Dr. Thomas Wiesemann: “Unsere Produkte haben zeitgemäße Garantien”

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Dr. Thomas Wiesemann und Dr. Rainer Demski sprechen in dieser Sonderausgabe des #wirzusammen Podcast über Renditechancen im Null- und Negativzinsumfeld. Warum bietet die Allianz ab 2021 keine hundertprozentige Beitragsgarantie bei Neuverträgen in der Lebensversicherung mehr an? Die Antwort gibt’s im Interview.

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Rainer Demski: In der vergangenen Woche hat die Allianz für Schlagzeilen gesorgt, indem sie als erste Versicherer am deutschen Markt den Wegfall der hundertprozentigen Beitragsgarantie bei Neuverträgen in der Lebensversicherung ab dem kommenden Jahr 2021 angekündigt haben.Die Presse sprach von „Tabubruch“ und einer „neuen Ära“. Als Ursache war die Rede von der immer weiter zunehmenden Belastung der Lebensversicherer durch die Nullzinspolitik. Wie ordnen Sie diese ersten Reaktionen in der Presse und in der Öffentlichkeit ein?

Dr. Thomas Wiesemann: Ich muss sagen, viele Artikel waren aus meiner Sicht im Inhalt durchaus faktisch und unaufgeregt. Das fanden wir so ganz in Ordnung. Klar, gab es auch einzelne Artikel oder Headlines, denen wir widersprechen würden, aber mit Kritik muss man umgehen können und sie auch aushalten können.
Mit dem Produkt „Perspektive“ waren wir vor etwa sieben Jahren die ersten, die in Deutschland eine Lebensversicherung mit moderner Prägung auf dem Markt gebracht haben. Damals gab es ebenfalls nicht nur Applaus dafür, doch nun befürwortet die Mehrzahl der Marktbeobachter und Kunden diesen Schritt, da hierdurch Freiräume für die Kapitalanlage der Altersvorsorge geschaffen worden sind.
Genau das ist auch das zentrale Motiv für das angekündigte Neugeschäft ab kommendem Jahr.

Rainer Demski: Der Altersvorsorgemarkt hierzulande scheint ja vor allem durch Garantie und nicht durch Rendite getrieben zu sein. Der Deutsche denke also mehr in Sicherheiten als in Chancen. Dieses Thema der Sicherheiten, gerade in der Lebensversicherung, war über viele Jahrzehnte ein Erfolgsgarant. Dennoch haben einige Gesellschaften bereits in der Vergangenheit die Abkehr von der 100 Prozent Garantie vorhergesagt.
Leitet ihr erster Schritt einen Kulturwandel in der Branche oder sogar eine Kettenreaktion am Markt ein? Werden andere Gesellschaften diesem Beispiel folgen?

Dr. Thomas Wiesemann: Potenzielle Kettenreaktionen kann ich nicht einschätzen. An der Stelle muss jeder dann für sein eigenes Haus sprechen. Sicherheit bleibt aber ein zentrales Thema, auch bei unseren Produkten im nächsten Jahr. An einer Stelle haben Sie natürlich Recht: die Anpassung der sogenannten „100 Prozent Bruttobeitragsgarantie“ ist natürlich schon eine Veränderung. Ich glaube es ist wichtig, dass man versteht, warum dieser Weg aus unserer Sicht der richtige ist. Wir tun das nicht, weil wir müssen, sondern weil wir wirklich davon überzeugt sind, dass das ein wichtiger Schritt ist, um die Altersvorsorge im Sinne der Kunden weiterhin zukunftsgerecht und attraktiv zu halten.
Ein wesentlicher Hintergrund ist natürlich dieses Null- und Negativzinsumfeld, indem sich nicht nur die Versicherer, sondern auch alle Banken, Sparer und Investoren gerade bewegen.
Wir haben heute – und das ist eine Entwicklung, die sich in den letzten 18 Monaten deutlich verstärkt hat – auf der sogenannten „20-jährigen Euro Swaprate“ einen Zinssatz von Null. Das Bedeutet: bei 20 Jahren sicherer Wertanlage im Euroraum ist der Zinssatz Null – man erhält keinen Ertrag.
Obwohl wir in einem Null- und Negativzinsumfeld sind, heißt das aber nicht, dass wir auch in einem Nullrenditeumfeld leben müssen. Es ist auch in diesem Umfeld möglich, attraktive Renditen für die Altersvorsorge zu generieren. Dafür braucht man allerdings Freiräume in der Kapitalanlage. Wir haben unsere Produkte jetzt mit zeitgemäßen Garantien ausgestattet, damit wir genügend Freiräume haben, um die Kapitalanlage attraktiv zu gestalten. Die Produkte sollen Renditechancen, aber dennoch wichtige Sicherheiten bieten.
Auf diese Balance aus Renditechance, gleichzeitig aber auch Verlässlichkeit und wichtiger Sicherheit, kommt es besonders in dieser schwierigen Zeit an. Deshalb haben wir diesen Schritt gemacht.

Rainer Demski: Sicherheit ist hierzulande extrem wichtig. Besonders im internationalen Vergleich ist das Sicherheitsdenken der Deutschen stark ausgeprägt. Wie kam es wohl zu dieser starken Fokussierung auf das Thema?

Dr. Thomas Wiesemann: Ich bin zwar kein Wirtschaftshistoriker, aber ich denke, es gab einige prägende Ereignisse, die sich in das kollektive Gedächtnis der Bevölkerung eingebrannt haben. Nach dem Ersten Weltkrieg gab es eine Hyperinflation in Deutschland und auch nach dem Zweiten Weltkrieg gab es eine sehr starke Geldentwertung. Durch diese Erlebnisse hat sich bestimmt eine gewisse Skepsis festgesetzt.
Auf der anderen Seite sehen wir aber, dass jetzt durchaus auch ein Umdenken passiert. Das hat auch mit diesem Negativzinsumfeld zu tun.
Wir haben Umfragen und sehr intensive Marktforschung vor und während der Corona-Pandemie betrieben und das Ergebnis zeigt, dass sich ein Bewusstsein für die Notwendigkeit einer höheren Chancenorientierung in der Altersvorsorge einstellt.
Bei vielen Einlagen muss man mittlerweile negative Zinsen, Strafzinsen oder Verwahrgelder zahlen. Da ist bei den Menschen schon angekommen, dass es heutzutage ohne Chancenorientierung in der Kapitalanlage schwierig ist.
Nicht zuletzt durch die aktuellen Ereignisse ist es wichtig, Rückhalt zu haben. Sie wollen ein Gesamtpaket haben, wo beide Themen abgebildet sind.
Dadurch, dass wir Rendite- und Chancenorientierung mit Verlässlichkeit und Rückhalt kombinieren und ausbalancieren, setzten wir genau dort an.

Rainer Demski: Durch Ihre Entscheidung, diese Änderung als erste Gesellschaft durchzuführen, setzen Sie sich einer nicht ganz einfachen Diskussion aus.
Warum haben Sie bei dieser heiklen Frage die Rolle eines „first movers“ übernommen? Warum nicht einem anderer den Vortritt überlassen, um zu schauen, ob es funktioniert und wie der Markt darauf reagiert? Warum diese Führungsrolle?

Dr. Thomas Wiesemann: Grade, wenn es um langfristige Verträge wie bei der Altersvorsorge geht, ist vorausschauendes Denken essenziell. Das war schon immer unser Prinzip.
Zur Erinnerung:
2007 waren wir die Ersten, die in Deutschland eine indexbasierte Altersvorsorge auf den Markt gebracht haben. Dieses moderne Garantieprodukt war das erste seiner Art. Mittlerweile sind sehr viele andere Anbieter gefolgt.
2013 waren wir dann die ersten, die mit der „Perspektive“ einen modernen Klassiker angeboten haben. Auch hier sind viele nachgezogen.
Was uns dabei immer angetrieben hat, ist die Frage: Wie können wir, in einem sich besonders auf der Zinsseite veränderndem ökonomischem Umfeld, genügend Freiräume in die Kapitalanlage der Kunden bekommen und gleichzeitig den Sicherheitsgedanken entsprechend stark abbilden?
Insofern ist das, was wir jetzt tun, vor dem Hintergrund der Entwicklung auf den Kapitalmärkten, eigentlich in Kontinuität zu den Maßnahmen und den Innovationen, die wir auch schon in den letzten zehn bis 15 Jahren getätigt haben.

Rainer Demski: Gehen wir doch mal konkret auf die drei neuen Produktvarianten ein, die für 2021 angekündigt wurden:
Sie sprachen von einem ausgewogenen Verhältnis zwischen Sicherheit und Rendite.
Wie sind diese Angebote aufgestellt? Worin unterscheiden sie sich? Und für welche Kundengruppen sind sie aus Ihrer Sicht besonders geeignet?

Dr. Thomas Wiesemann: Ab 2021 werden wir alle unsere Vorsorgekonzepte in der Altersvorsorge mit einer Garantie von mindestens 90 Prozent ausstatten. Bei den chancenorientierten Konzepten werden wir zusätzlich auch noch die Möglichkeit von 80 und 60 Prozent anbieten.
Dort, wo gesetzlich weiterhin 100 Prozent vorgeschrieben sind, wie bei Riester, aber auch die Beitragszusage mit Mindestleistung in der bAV, werden wir natürlich 100 Prozent anbieten.
Jenseits diesen beiden Bereichen werden wir die Vorsorgekonzepte mit Garantien von mindestens 90, 80 oder 60 Prozent ausstatten.
Die andere Achse unseres Lösungsspektrums bei den Produkten ist, dass wir weiterhin – wie vorher auch – Altersvorsorgekonzepte anbieten, bei denen der Kunde entweder an die Allianz delegiert, wie die Kapitalanlage während der Ansparphase aussehen soll oder bei denen der Kunde während der Ansparphase mitentscheiden kann, wie die Kapitalanlage ausgestaltet wird.
Wir haben also die Angebote „Komfortdynamik“ und „Perspektive“ im Komfortbereich, bei denen die Allianz die Entscheidungen abnimmt, aber auch die Angebote „Investflex“ und „Index select“, für Kunden, die selber Entscheidungsgewalt besitzen möchten.

Rainer Demski: Höhere Renditechancen und der für Privatkunden vielfach nicht erreichbare Zugang zu Asset-Klassen sind sehr positive Argumente. Allerdings muss das ja noch in die Köpfe und Herzen der Verbraucher und natürlich auch der Vermittler hinein, die ja viele Jahre lang auch anders argumentiert haben. Wie kann so etwas gelingen? Wie wollen sie das anstellen?

Dr. Thomas Wiesemann: Die Umfragen, die wir kürzlich durchgeführt haben, zeigen, dass das Sicherheitsthema nach wie vor wichtig ist. Chancenorientierung ist aber ebenfalls wichtig geworden. Mehr als zwei Drittel geben an, dass ihnen bewusst ist, dass man in diesem Negativ- und Nullzinsumfeld heutzutage chancenorientierter Anlegen muss, um noch Renditechancen zu haben. Deshalb wollen wir den Menschen mit diesem Konzept das Gefühl geben, dass sich Renditechance und Sicherheit ausgewogen kombinieren lassen. Wenn wir dieses Ziel erreichen, gelingt es uns auch, die Menschen zu überzeugen, dass damit ein guter Schritt gemacht wurde.
Der Kern unserer Vorsorgekonzepte bleibt weiterhin das starke Sicherungsvermögen der Allianz. Auch wenn wir keine 100 Prozent Garantie mehr anbieten, sind 80 oder 90 Prozent weiterhin hohe Werte. Außerdem sind in den Produkten ja noch weitere Sicherungselemente enthalten. Starke Schwankungen an den Kapitalmärkten können durch Dämpfung sehr gut abgedeckt werden.
Unsere starke Anlagekompetenz ist ein weiterer Faktor. Wir investieren auch sehr stark in sogenannte alternative Kapitalanlagen, die nicht an der Börse gehandelt werden. Dadurch können zusätzliche Diversifikationen mit relativ geringer Volatilität in die Kapitalanlage der Altersvorsorge einfließen.
Einzelne Produkte haben auch noch zusätzliche Sicherungselemente: unsere „Komfort Dynamik“, eines unserer wichtigsten Vorsorgekonzepte, hat beispielsweise die dynamische Garantieerhöhung während der Laufzeit. Wenn die Kapitalanlage gut läuft, wird also ein Teil der Wertentwicklung eingeloggt. Vor dem Abschlusstermin der Altersvorsorge bieten wir dann noch ein sogenanntes Ablaufmanagement, um in konservativere Anlagen umzuschichten. Neben der reinen Garantie ist also ein wirklich breites Sicherungspaket vorhanden.

Rainer Demski: Wie wird der Maklermarkt Ihrer Meinung nach auf diese Angebote reagieren?

Dr. Thomas Wiesemann: Ich denke, das tatsächliche Ergebnis werden wir dann sehen. Bei fast allen individuelle Gespräche, die meine Kollegen und ich gerade mit Maklerhäusern führen, wurde die Grundidee sehr positiv aufgenommen. Das stimmt mich sehr zuversichtlich.

Rainer Demski: Auf der digitalen DKM 2020 haben Sie einen Vortrag mit dem Titel „Sicherheit und Rendite: Welches Verhältnis passt?“ Was erwarten Sie sich von diesem digitalen Event? Und was möchten Sie Ihren Vertriebspartnern mit auf den Weg geben?

Dr. Thomas Wiesemann: Wir sind alle sehr gespannt auf diese neue Form der Messe. Wir alle kennen die DKM als physischen Branchentreff mit offiziellen Terminen, aber auch wichtigen Gesprächen am Rande. Das ist in diesem Jahr leider nicht möglich, aber ich freue mich, dass die BBG als Organisator der DKM diesen digitalen Lösungsweg gefunden hat. Ich freue mich auf die DKM.digital und denke, hier bieten sich auch neue Chancen.
Wir als Allianz sind mit bis zu 15 Formaten und Veranstaltungen vertreten. Unter anderem auch auf dem Kongress Altersvorsorge, wo ich auf das Thema von heute noch genauer eingehen werde, aber es gibt noch viele weitere spannende Workshops und Auftritte.
Ich möchte die Vermittler einladen, sich kostenlos anzumelden, denn es ist eine einmalige Möglichkeit, in wenigen Tagen so viele Informationen an einer Stelle bekommen zu können.

Über den Experten

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Dr. Thomas Wiesemann

Vorstand Maklervertrieb, Allianz Lebensversicherungs-AG und Allianz Private Krankenversicherungs-AG

Thomas Wiesemann hat Wirtschafts- und angewandte Mathematik in Ulm und Los Angeles studiert und in Wirtschaftswissenschaften promoviert.
Er trat 1995 in den Allianz Konzern als Vorstandsassistent des Finanzvorstands ein. Danach folgten Stationen im Vertrieb, im Finanzbereich und im Asset Management.
Zum 01.01.2014 wurde er in die Vorstände der Allianz Lebensversicherungs-AG und Allianz Private Krankenversicherungs-AG berufen mit Verantwortung für den Maklervertrieb.
Er ist zudem Mitglied im Aufsichtsrat der Allianz Pensionskasse AG und der Allianz Pensionsfonds AG.

 

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