Dietmar Diegel: „Sind kulante Entscheidungen wirklich weltfremd?“

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Die Regulierung bei Betriebsschließungen aufgrund der CORONA-Pandemie ist in der Branche derzeit ein viel diskutiertes und recht problematisches Thema. Aus Kunden- wie Vermittlerkreisen hört man schon jetzt, zu Beginn einer sehr wahrscheinlichen Schadenswelle, Kritik an ersten Regulierungsentscheidungen der Versicherer. Letztere stehen gleichsam vor einem betriebswirtschaftlichen wie einem Imageproblem. Wir haben mit Dietmar Diegel, Vorstand der CHARTA AG in Düsseldorf, gesprochen.

Redaktion: Wir alle erleben die Corona-Krise als eine nie dagewesene Ausnahmesituation. Unter anderem hat sie zur Folge, dass viele Betriebsschließungen vom Staat angeordnet wurden – von denen nicht wenige auch eine Betriebsschließungsversicherung abgeschlossen haben. Viele dieser Betriebe erfahren jetzt von Ihren Versicherern, dass die Betriebsschließung aufgrund der Corona-Epidemie nicht Teil der versicherten Risiken sei.  Als Vorstand der CHARTA AG in Düsseldorf vertreten Sie die Interessen von knapp 400 unabhängigen Maklerunternehmen in ganz Deutschland. Wie beurteilen Sie die Situation?

Dietmar Diegel: Als Makler-Verbund agiert die CHARTA natürlich zuerst im Sinne der uns angeschlossenen Makler-Unternehmen. Wir verstehen uns aber gleichwohl auch als Partner der Versicherungsgesellschaften, mit denen unsere Makler der CHARTA zusammenarbeiten.

Uns alle eint unzweifelhaft das Ziel, unseren gewerblichen und privaten Kunden eine bestmögliche Risiko-Absicherung zu bieten. Uns eint ebenso die Herausforderung, unseren Kunden die Wichtigkeit einer solchen Absicherung gegen Schäden, deren Eintrittsrisiko individuell oft nur bedingt fassbar ist, zu vermitteln. Jetzt plötzlich stehen wir vor einer Situation, in der ein für uns alle neues Risiko eingetreten ist. Eines, das viele gewerbliche Kunden nicht individuell, sondern geradezu kollektiv trifft!

Redaktion: Das heißt konkret?

Dietmar Diegel: Natürlich wissen wir, warum sich die Versicherungsgesellschaften vielfach  ablehnend gegenüber Schadenforderungen aufgrund von Corona verhalten. Bei den Deckungskonzepten mit explizit abschließenden Fallaufzählungen ist das nach meiner Beurteilung vermutlich rechtens. In vielen anderen Fällen werden die aktuellen Ablehnungen zu juristischen Auseinandersetzungen führen, deren Ausgang abzuwarten sein wird. Hier sehe ich die Sachlage inhaltlich deutlich kritischer. Der BDVM ist ja hier beispielsweise bereits aktiv geworden und hat den Standpunkt, dass eine Ablehnung der Regulierung unter anderem den in §1 a VVG festgelegten Regelungen zur Fairness und zur Wahrnehmung des bestmöglichen Kundeninteresses widerspricht, ausführlich formuliert.

Redaktion: Sie schließen sich dieser Haltung also an?

Dietmar Diegel: Grundsätzlich ja, natürlich. Allerdings laufen wir hier Gefahr, dass langfristige juristische Auseinandersetzungen die jetzt unmittelbare notwendige Hilfe für die betroffenen Betriebe so hinauszögern werden, dass sie auch bei einer richterlichen Entscheidung im Sinne der Betroffenen zu spät käme.

Redaktion: Was ist also aus Ihrer Sicht zu tun?

Dietmar Diegel: Es sollte grundsätzlich überdacht werden, welcher Beitrag jetzt, jenseits der formellen und juristischen Regelungen, geleistet werden kann. Ist es wirklich weltfremd, wenn wir davon ausgehen, dass eine offene und kulante Haltung unseren hart getroffenen Kunden gegenüber in der aktuellen Situation mehr in der öffentlichen Wahrnehmung der Versicherungswirtschaft bewirkten und mehr echte Glaubwürdigkeit erzeugen würde, als das jede Marketing-Kampagne leisten könnte?

Dies umso mehr, als dass eine pauschale Ablehnung der Regulierung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht nur in den Augen der unmittelbar Betroffenen einen so negativen Effekt hätte, dass versucht werden müsste, diesem dann mit eben solchen Marketing-Kampagnen zu begegnen. Wie groß und kostspielig die sein müssten und inwiefern diese überhaupt geeignet wären, das verlorengegangene Vertrauen – insbesondere auf der persönlichen Ebene zwischen Kunden und Makler – wiederherzustellen, ist zumindest mehr als unsicher.

Mir ist klar, dass dies als „ungewöhnliche“ Sichtweise verstanden werden kann. Umso mehr mit Blick auf einen Vertreter der Makler als Absender. Doch ich bin überzeugt, dass ein solcher Weg es wert ist, wenigstens überdacht zu werden. Heute werden die Weichen für die Zeit nach der Pandemie gestellt – wir sollten alles daransetzen, diese im Sinne unserer Kunden zu stellen. Denn dann stellen wir sie auch nachhaltig in unserem Sinne.

2 Kommentare

  1. Dem Artikel kann ich nur zustimmen, auch wenn ich die abschließende Aufzählung in vielen Bedingungswerken für den Endkunden als überraschend ansehe.
    Zumal noch ein weiterer Aspekt dazukommt: die Versicherer könnten zumindest einen Teil der Schadensummen später auch wieder rückfordern, denn eine Bereicherung ist in den Bedingungen nach meiner Kenntnis stets ausgeschlossen. Somit würden die Versicherer eher aufgrund der “Darlehensklausel” leisten müssen, was die Gesamtkosten deutlich nach unten ziehen dürfte.
    Was gezählt hätte, wäre schnell und unbörokratisch zu helfen. Diese Chance ist vertan. Wir werden unsere Bestände zum jeweiligen Ablauf umdecken, hier bietet sich z.B. der HDI an, der ein klares Bekenntnis zur Leistungspflicht abgegeben hat. Und für Ärzte auch immer noch eine Deckung anbietet (Stand 30.03.20).

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